Kommentar: Zur aktuellen Situation Brasiliens und der Landlosenbewegung MST (Wolfgang Hees)

Seit dem Putsch gegen Präsidentin Dilma steht Brasilien am Rande des Chaos. Massenproteste gegen den amtierenden Präsidenten Temer unter dem Motto  „Fora Temer“ (Temer weg) sind allgegenwärtig und die Akzeptanz des Präsidenten durch die Bevölkerung liegt bei nur noch 3%. Temer ist zum zweiten Mal von der Staatsanwaltschaft wegen Korruption angeklagt, aber er versucht vor seiner drohenden Amtsenthebung noch so viel wie möglich seines neoliberalen Projektes durchzusetzen und ebenfalls so viel wie möglich von den Erfolgen der vorhergehenden PT-Regierungen zu zerstören. Damit zahlt er seine Schulden an die, die ihn beim Putsch unterstützt haben und nun ihren Anteil fordern. Weiterlesen

MAIZ eine künstlerisch-politische Performance zur biologischen Vielfalt und dem Aussterben unserer Kulturpflanzen

Sonntag, 08. Oktober um 16:00 Uhr im Bahnhofspavillion Eichstetten – Eintritt frei

Anhand des Länderbeispiels Mexiko – dem Ursprungsland des Maises – werden in der Performance MAIZ verschiedene Perspektiven und Gründe um das Aussterben der Kulturpflanzen aufgezeigt. Dabei wird sowohl auf die kulturelle und biologische Vielfalt des Getreides – einem der Grundnahrungsmittel in Lateinamerika – als auch auf sozio-ökonomische Auswirkungen und globale Zusammenhänge eingegangen.

Gerade durch die gegenwärtige Auseinandersetzung um Megafusionen im Agrarbereich (DuMont-Syngenta oder Monsanto-Bayer) greifen wir mit MAIZ ein kontrovers diskutierbares Thema auf.

Im Anschluss an die Performance – bestehend aus einer bilingualen Lesung (spanisch-deutsch) mit Musik und Elementen aus Theater/Tanz – wird dem Publikum die Möglichkeit gegeben, sich über die Themeninhalte auszutauschen.

Eine Veranstaltung der Freunde der brasilianischen Landlosenbewegung MST, Naturkost Rinklin, dem Kaiserstühler Samengarten und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft AbL

Unser Tipp: im Samengarten Eichstetten findet ebenfalls am 08. Oktober jedoch schon um 13:00 Uhr eine allgemeine Führung mit anschließender Saatgutaufbereitung statt.

Erklärung der MST gegen die Kriminalisierung der Sozialen Bewegungen und die Gewalt in ländlichen Gebieten [Englisch]

Statement Against the Criminalization of Social Movements and Violence in Rural Areas

The Coupist Government is responsible for the murders of indigenous and quilombola people and landless rural workers. The coup that overthrew President Dilma Rousseff, promoted by the Globo media conglomerate and the National Congress, with the connivance of the Federal Supreme Court (FSC), not only violated the 1988 Federal Constitution and placed a gang to command the Executive Power. The coup released the most reactionary and violent forces of the large estate and agribusiness.

Who are the victims? Peasants, natives, quilombolas and workers in general. In the Congress elected by the companies’ legalized villainy, the ruralist group seeks to approve without debating with society laws that attack social and labor rights, which promote environmental destruction, cover up slave labor and delay the demarcation of indigenous lands and quilombolas. Now they want to remove social welfare for the people of the countryside and transform the salary of peasants into an exchange of work for food and housing.

In rural Brazil, large estate owners and agribusinesses hire gunmen and arm their employees to kill, illegally arrest, torture, intimidate and expel the poor from the land.

On April 19, in Colniza, Mato Grosso, people commemorated the 21-year anniversary of the El Dorado dos Carajas Massacre, where nine peasants were tied down, tortured and killed with knife stabs and shots fired with 12-gauge shotguns.

On April 24, Silvino Nunes Gouveia, a militant of the MST from Minas Gerais, was killed with ten shots outside of his house. On the 30th, in Viana, Maranhão, 13 indigenous people were injured by armed men working for large estates.

Is it merely a coincidence that this violence is occurring precisely in the same month that federal deputy Jair Bolsonaro, during a panel in Hebraica Club, Rio de Janeiro, spurted out his criminal verbiage, attacking indigenous and quilombola communities? He defended his position of ending the indigenous reserves and the quilombos. Before that, in Paraíba, he had already promised bullets for the Landless Workers.

There is an escalation of violence that, since last year, has been escalating in numbers and intensity. According to the Pastoral Land Commission (Commission Pastorale de la Terre, CPT), only in 2016, 61 people were killed in rural conflicts; which is the highest number since 2003. Presently, there are several areas under threat of evictions and in permanent tension.

We denounce the situation of the families who reoccupied their own lands, which had been stolen by the Cabral/Eike society in Batista, Sao Joao da Barra, Rio de Janeiro.

In Limoeiro, Ceará, an irrigation project of the DNOCS (Department of Works Against Droughts) is being occupied by 400 families who are facing eviction threats by the DNOCS itself. In the region of Montes Claros, Mato Grosso, hundreds of families are being harassed by armed employees of the large estate owners, who have already beendenounced for corruption in the Federal Public Ministry.

In various states, we have comrades who have been unjustly imprisoned for the ‚crime‘ of struggling for land, without any sort of trial, and others resisting imprisonment, without the right to live in freedom. We blame the coupist government for those crimes. Instead of punishing the real criminals, Temer’s government is more concerned about forgiving the debts of the large estate owners to ensure they continue to support them in Congress and legitimize the seats they usurped, and avoiding trial for the ‚Lava-Jato‘ corruption cause. They even threat to sell our land to foreign capital.

We blame the media under the direction of the Globo Network for the criminalization of rural popular movements and indigenous peoples, which create a climate that legitimizes police repression and armed militias by the large estate owners. This behavior also promotes violence against urban people’s movements, as happened in Goiania, Rio de Janeiro and Sao Paulo, during the general strike.

We blamed the Judicial Power and the Public Ministry for being classist, selective in their actions, party-oriented and with a clear elitist and prejudiced behavior against the poor rural population.

We will continue struggling for the Agrarian Reform in our country and in defense of the demarcation of the indigenous lands and the quilombola population.

For a Popular Agrarian Reform that guarantees land to work, respect for nature and healthy food for all people!

May, 2017
2nd National Fair of Agrarian Reform
Landless Rural Workers Movement – MST

Tödliche Landkonflikte in Brasilien – Massaker in Taquaraçu (2017), Bericht der CPT (2016)

Seit dem kalten Putsch in Brasilien – teils auch schon im spannungsgeladenen Vorfeld, ist die Zahl der Landkonflikte in Brasilien wieder drastisch angestiegen. Vor allem aber werden sie wieder in einer Brutalität ausgetragen, wie sie in den letzten Jahren eher unüblich war. Beinahe wöchentlich erreichen uns Pressemitteilungen der CPT und MST.

Erst letzte Woche kam es zu einem Massaker in Taquaruçu do Norte (Colniza), im entlegenen Norden Mato Grossos, mit 10 Toten (fwd: Artikel deutsch; Notiz der CPT). Nur wenige Tage danach kam es auch im Norden von Minas Gerais, auf der Fazenda América, zu Schüssen durch ‚Privatmilizen‘ und einen weiteren Überfall androhten. Beides sind Regionen in welchen sich aktuell die Agrargrenze verschiebt (u.a. aufgrund anderer Nutzungsmöglichkeiten durchGentechnik und Pestizide). Beide Vorfälle waren vorab angekündigt worden und dienen zur ‚Neuordnung‘ seit längerem bestehender Konflikte angesichst der ‚Untätigkeit‘ der Justiz in solchen Fällen. Sie zielen aber auch auf die Einschüchterung einer ganzen Region und als Botschaft einer neue Atmosphäre der Gewalt.

Zu Beginn der vergangenen Woche, am 17. April (dem int. Tag der Landlosen und 21. Jahre nach dem Massaker von Eldorado de Carajás) hat die CPT ihren jährlichen Bericht zu Landkonflikten für 2016 vorgestellt. Laut dem Berischt sind im vergangenen Jahr 61 Kleinbauern, Indigene und Landlose in Auseinandersetzungen um Land ermordet worden – ein Anstieg von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und der höchste Wert seit 2003. Ferner sind 2016 die Fälle von Vertreibungen von Kleinbauern um 232 Prozent gestiegen. In 2017 erfasste die Landpastorale vor dem Massaker von Taquarau/Colniza bereits zehn Morde.

Die zunehmenden Landkonflikte sind einerseits ein deutliches Zeichen dafür, dass in dieser unsicheren und veränderten politischen Konstellation auf Bundesebene Großgrundbesitzer, die Agrarlobby oder lokale Autoritäten die Dinge wieder auf ihre Weise ‚regeln‘ – und es auch tatsächlich können. Zum anderen sind es die Auswirkungen der partiell außer Kraft gesetzten Agrarreform und dem sich aktuell vollziehenden Umbau und Autonomieverlust des INCRA (als Verwaltungsbehörde welche nun direkt dem Präsidialamt Temers unterstellt ist). Die neue Regierung strebt eine ‚Neuordnung‘ der zahlreichen ‚ungeklärten‘ Besitzverhältnisse an – aber nicht um diese der Agrarreform zur Verfügung zu stellen, sondern um die vermeintlichen und durch Korruption erkauften Ansprüche der Großgrundbesitzer zu legalisieren.

Die Art und Weise der Austragung der Landkonflikte hatte aufgrund der stärkeren Intervention der Bundesbehörden seit Lulas Amtsantritt demokratischere Züege angenommen (bsp. Justiz auf Bundesebene; bsp: Anti-Sklaverei Behörde. Aber weit davon entfernt, gut zu sein. Jedoch fast nur dort wo es Verschiebungen der Agrargrenzen im Nordosten, im Amazonasgebiet oder bei Staudammkonflikten zu beobachten gab). Die aktuelle Erruption von Gewalt aber zeigt deutlich, dass weder die Konflikte gelöst, ologarchische Strukturen verändert oder die Einstellung der lokalen Großgrundbesitzer sich verändert haben.

Gemeinsame Frühjahrstagung von Kobra mit den Amigos in Berlin, 21.-22. April (Mit Gästen u.a. der MST aus Brasilien)

Seit der Machtübernahme der Regierung Temer im letzten Jahr durch ein umstrittenes Amtsenthebungsverfahren ist in Brasilien die Lage für zivilgesellschaftliche Akteure deutlich schwieriger geworden. Die neoliberale Sparpolitik der amtierenden Regierung, die soziale Errungenschaften der letzten Jahrzehnte kassiert, verstößt gegen Menschenrechte und internationale Verpflichtungen, die Brasilien eingegangen ist. Wie gehen die sozialen Bewegungen und Organisationen mit der reaktionären Offensive um? Wie verteidigen sie die hart erkämpften sozialen Fortschritte? Weiterlesen

Artikel: Brasilien – Zivilgesellschaft kämpft gegen den Rückbau von sozialen Errungenschaften

Gastbeitrag, verfasst von Uta Grunert, im Anschluss an die diesjährige Fachtagung Runder Tisch Brasilien, der Kooperation Brasilien – KoBra e.V.. Seit 20 Jahren wird dort der zivilgesellschaftliche Austausch von Nichtregierungsorganisationen aus dem deutschsprachigen Raum gemeinsam mit Partnerorganisationen in Brasilien organisiert.

Der Beitrag ist zunächst erschienen im: eNewsletter Wegweiser Bürgergesellschaft 12/2016, der Stiftung Mitarbeit.

Zum Artikel: Grunert_Brasilien-Zivilgesellschaft und Sozialabbau

Global Peasant’s Rights: Internationaler Kongress, 8.-10. März, Schwäbisch Hall

Ziel des Kongresses ist es den weltweit geführten Diskussionsprozess zu Kleinbauernrechten in Deutschland bekannter zu machen und die vielfältigen Akteure zusammen zu führen. Politisch geht es darum,  das deutsche  Außenministerium zu beeinflußen, die derzeit in der UN verhandelten „Internationalen Deklaration für die Rechte von  Kleinbauern und sonstiger Menschen, die im ländlichen Raum arbeiten“  zu unterschreiben. Diese Deklaration wurde von Via campesina erarbeitet und wird derzeit in der UN von einer internationalen Arbeitsgruppe überarbeitet. Deutschland hatte sich ursprünglich dagegen ausgesprochen, konnte aber dazu bewegt werden sich derzeit zu enthalten – und wir möchten, das Deutschland, das in der UN eine meinungsbildende Vorreiterfunktion hat endlich für die Deklaration stimmt. Neben den VertreterInnen von Kleinbauern weltweit, werden auch internationale Organisationen teilnehmen. Die Amigos sind durch Wolfgang Hees, Vertreter der AbL, an diesem Prozess beteiligt. [http://www.hdb-stiftung.com/index.php/de/projekte/kongress]

16-12-10 Pressemitteilung Menschenrechtstag Kleinbauernrechte