Produktive MST: ein Einblick in die Arbeit der Kooperativen der Landlosenbewegung (Sept. 2019)

Vorwort von den amigas der MST und
Reisebericht von Felix Gries, El Puente

Seit mehr als 45 Jahren arbeitet die Fairhandels-Organisation El Puente mit Partnern in Afrika, Asien und Lateinamerika zusammen, unter anderem auch mit der MST. Anfang der 1990er Jahre wurde der Mate-Tee der MST-Kooperative Copermate ins Sortiment aufgenommen und belebt seither auch in Deutschland die Gemüter. Dieses und viele weitere fair gehandelte Produkte werden hauptsächlich über die Weltläden vertrieben und auch an Großkunden und Fairhandels-Organisationen in anderen Ländern Europas verkauft.

Im September 2019 wird El Puente ein weiteres Produkt einer MST-Kooperative ins Sortiment aufnehmen: Langkornreis aus dem Süden Brasiliens. Die Kooperation ist ein Ergebnis unserer Delegationsreise im April 2018, als zwei Aktivist*innen der MST unter anderem den Sitz von El Puente in Nordstemmen besuchten. Der Hintergrund: die sich verändernde politische Situation in Brasilien führt dazu, dass die MST ihre internationalen Verbindungen stärken will – sowohl institutionell als auch im Handel.

Daraufhin reisten im Mai 2019 zwei Mitarbeiter*innen von El Puente, Felix Gies und Isolde Steinbrecher, nach Brasilien und besuchten die Produktionsstätten der MST. Im Rahmen dieses Besuches vereinbarten sie den zukünftigen Import von Langkornreis nach Deutschland.

Im Folgenden lesen Sie den Reisebericht von El Puente:


Fairer Handel und die MST: Gemeinsame Ziele für ein gutes Leben

Reisebericht von Felix Gries, El Puente

Die Zusammenarbeit von Fairem Handel und der MST sehen wir als wichtige und sinnvolle Verbindung, die es zu stärken gilt. Beide Bewegungen teilen wichtige Werte und haben gemeinsame Ziele. So setzen beide Bewegungen darauf, über den Handel mit Produkten präsent zu sein und sich gleichzeitig für politische Ziele einzusetzen. So tragen sie dazu bei, Menschenrechte zu schützen, damit insbesondere Kleinbäuer*innen und strukturell benachteiligte Produzent*innen besser leben können. Die Landfrage ist auch im Fairen Handel wichtig. Deswegen arbeitet El Puente nicht mit Plantagenbetrieben, sondern mit Kooperativen zusammen. Dadurch können Kleinbäuer*innen ihr eigenes Land für ein Einkommen bewirtschaften. Um unsere Handelspartnerschaften zu stärken, besuchen El Puente Vertreter*innen die Partner und reisten im Mai 2019 nach Brasilien zur MST.

In Porto Alegre bei der Reiskooperative COOTAP

Am Flughafen in Porto Alegre werden die Reisenden von Olavo Tatsuo Makiyama empfangen. Olavo engagiert sich seit 2011 für die MST. Seit 2019 ist er dabei, mit anderen Aktiven ein nationales Exportbüro für MST aufzubauen. In seiner Begleitung brechen Felix und Isolde zu drei Kooperativen auf. Zunächst besuchen sie COOTAP, eine Kooperative, in der sich Produzent*innen der MST im Großraum Porto Alegre zusammengeschlossen haben. Im Hauptsitz mit Büros und angeschlossenem Zwischenlager in der MST Siedlung, dem Assentamento Integracao Gaúcha, wird die Gruppe von Präsident Emerson und weiteren Vertreter*innen von COOTAP empfangen.

Die 218 Familien der Siedlung waren früher entweder Lohnarbeiter*innen für Großgrundbesitzer oder hatten überhaupt keinen Bezug zur Landwirtschaft. Als Teil der MST-Bewegung erhielten sie in den 1990er Jahren Land, das zuvor ungenutzt war und der Regierung gehörte. Schnell konzentrierte sich die Kooperative auf den Bio-Anbau, den sie erfolgreich einführte. COOTAP hat außerdem vier Bäckereien gegründet, die mehrheitlich von Frauen geführt werden.

Die Kooperative ist basisdemokratisch organisiert. Die Mitglieder sind in Assentamentos genannten Produzent*innengruppen organisiert. Innerhalb der Gruppen gibt es regelmäßige Treffen zur Koordinierung der Aktivitäten, aber auch – wie generell bei der MST üblich – zur politischen Bildung.

Besuch bei COOTAP, Foto El Puente

Die Produzent*innengruppen schicken Vertreter*innen zur jährlichen Hauptversammlung von COOTAP. Dort wird unter anderem das Preismodell für Reis verabschiedet. Die Kooperative, die in 2015 rund 1580 Mitglieder zählte, bietet diesen wichtige Leistungen. So können die Kleinbäuer*innen zu Saisonbeginn Kredite für den Kauf von Material, Saatgut (aus MST-Produktion) oder Benzin aufnehmen und nach der Ernte zurückzahlen.

Geholfen hat der Kooperative nach eigener Aussage die Politik der Regierungen Lula da Silva / Dilma Roussef, die Infrastrukturmaßnahmen förderten. Außerdem sorgten sie mit einem Gesetz dafür, dass 30% der Nahrungsmittel in öffentlichen Institutionen, darunter Schulen und Universitäten, aus Quellen der Landreform oder von Kleinbäuer*innen gekauft werden müssen. COOTAP verkauft deshalb einen Großteil seiner Produkte an öffentliche Institutionen, im letzten Jahr 90 % ihrer Reiseernte.

Unsicherheiten auf Grund der aktuellen politischen Lage

Die aktuelle Situation der Kooperative schätzen die Vertreter*innen sehr gemischt ein. Das Jahr 2018 war für COOTAP wirtschaftlich erfolgreich und es wurden viele Verträge für das Jahr 2019 abgeschlossen. Sie sind zuversichtlich, das Vorjahresniveau halten zu können. Die Zukunft ist aber angesichts der Präsidentschaft des rechtsextremen Jair Bolsonaro sehr unsicher. Die Regierung stellt sich öffentlich klar gegen die MST. Deshalb ist es für COOTAP unklar, inwiefern sie künftig noch auf ihren wichtigsten Absatzmarkt setzen können. Mit diesen Informationen und der Absprache, dass ab September 2019 Bio-Langkornreis parboiled bei El Puente erhältlich sein wird, brechen Felix und Isolde auf zur Kooperative BioNatur in Candiota.

Besuch bei COOTAP, Foto El Puente

Biologisch angebautes Saatgut von BioNatur

BioNatur ist kein Handelspartner von El Puente, aber der Besuch gibt weitere Einblicke in die Organisation der MST und die Möglichkeit neue Kooperationen anzudenken. Die Kooperative liegt sehr abgelegen, was zeigt, unter welch schwierigen Umständen die Siedler*innen der MST sich eine Existenz aufbauen mussten. Dabei erscheint es den Reisenden immer wieder beeindruckend, welch hohes Maß an Professionalität innerhalb der letzten 20 Jahren erreicht wurde.

Vor Ort berichten Mitarbeiter*innen und Direktor Alceman Afilio Inhaia , dass die Kooperative 1997 von Familien in Candiota und Hulha Negra aufgebaut wurde, die in den späten 1980er Jahren MST-Siedlungen gegründet hatten und dort Landwirtschaft betrieben. Heute vereint die Kooperative 210 Familien. Sie produziert Bio-Saatgut, was für die Mitglieder jedoch meist die zweite oder dritte Einnahmequelle neben anderen Aktivitäten darstellt. Ihr Ziel ist es, durch eine solidarische Saatgut-Produktion eine Ernährungssicherheit für künftige Generationen zu schaffen. Dabei setzen sie sich für den Schutz der Biodiversität ein und kämpfen für ein sozial, ökologisch und ökonomisch gerechtes und faires Gesellschaftsmodell. Die Kooperative versorgt die Produzent*innen mit dem Saatgut für die Aussaat, Berater*innen geben Tipps für den richtigen Anbau. In ihren Verkäufen ist BioNatur stark abhängig von Regierungsprogrammen, die Saatgut beziehen, um dieses etwa an Kleinbäuer*innen in Brasilien zu verteilen.

Professionell und solidarisch: Die Mate-Kooperative Copermate

Weiter geht die Reise nach Santa Maria do Oeste, wo die Kooperative Copermate ihren Hauptsitz hat. Von Copermate beziehen wir Matetee, die 250g Einheit als fertig verpacktes Produkt. Probleme gab es in der Vergangenheit mit überhöhten Anthrachinon Werten, weshalb wir auch im Detail den Produktionsprozess nachvollziehen müssen. Auch hier bestätigt sich der Eindruck eines hochprofessionell organisierten Partners, der seiner Arbeit dennoch einen solidarischen Ansatz zugrunde legt. Empfangen werden Isolde und Felix von Luis Z. Gomes, Geschäftsführer der Kooperative, von Mitgliedern des Verwaltungsrats und des Direktoriums der Kooperative.

Schnell wird deutlich, dass El Puente in den Anfangsjahren der Kooperative eine entscheidende Rolle bei der Professionalisierung und bei dem Ausbau der Exportaktivitäten gespielt hat. Durch einen wichtigen Partner in den USA sowie einem Regierungsprogramm konnte Copermate in den vergangenen Jahren in die Modernisierung der Produktionsanlagen investieren und die Professionalität in Bezug auf Management und Qualitätskontrolle erhöhen.

Besuch bei COPERMATE, Foto El Puente

Luis gibt uns eine ausführliche Führung durch die Verarbeitungsanlage und die Pflanzungen eines Mate-Tee-Produzenten. Dabei sprechen sie sowohl über Anbauaspekte als auch über Arbeitsbedingungen. So greift der Produzent bei der Ernte etwa auf Erntehelfer zurück. Im Gegensatz zum brasilianischen Normalfall sind diese aber mit mindestens Mindestlohn bei einem Unternehmen angestellt und sozialversichert.

Bereichernd von vielen prägenden Gesprächen mit Produzent*innen, Mitarbeiter*innen und Führungspersonal, verlassen Felix und Isolde Brasilien. In allen Gesprächen wurde klar, wie zentral der solidarische Ansatz, das gemeinschaftliche Diskutieren, Entscheiden und Handeln bei der MST ist. Mit der konsequenten Verbindung des Wirtschaftlichen mit dem Politischen ist für uns auch klar, welche Rolle der Faire Handel für die MST spielen kann: Anhand der fair gehandelten Produkte über die wichtige Arbeit der MST zu informieren.

Weitere Informationen:
El Puente GmbH: www.el-puente.de
Sektor Produktion der MST: www.mst.org.br/nossa-producao
Mate Kooperative Copermate: www.el-puente.de/handelspartner/copermate
Mate Kooperative Copermate: www.el-puente.de/handelspartner/copermate
BioNatur – biologisches Saatgut: www.bionatursementes.bio.br

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Dieser Text ist Teil eines regelmäßigen Newsletters der FreundInnen der brasilianischen Landlosenbewegung MST e.V. und treemedia e.V.
Kontakt: amigas@mstbrasilen.de

Brasilien zwischen Militarisierung, Korruption, politischem Chaos und Widerstand. Drei Monate Regierung Bolsonaro. Wie reagiert die MST?(Rundbrief und Kommentar, März 2019)

Liebe amigas und amigos der MST,

gut ein Vierteljahr ist die Regierung Bolsonaro in Brasilien bereits an der Macht. In diesem Rundbrief wollen wir eine ‚kurze‘ Zusammenfassung der Geschehnisse in den ersten Monaten nach der Amtsübernahme geben und haben dafür wieder drei Artikel verfasst (siehe unten).

Schon in den ersten Tagen zeigte der neue Präsident bereits im Schnellschritt, dass er das Land gehörig umkrempeln und zahlreiche Rechte und Errungenschaften einschränken will. Zahlreiche Maßnahmen sorgten – auch international für Kontroversen. Es begann mit Änderungen in der Umweltpolitik, die eine fortschreitende Abholzung im Amazonasgebiet mit sich bringen, einer radikalen Kürzung bzw. Abschaffung von Strukturförderungsprogrammen auf dem Land, ‚ideologische Säuberung‚ und Zusammenlegung von Ministerien, sowie Etablierung rückwärtsgewandter Ideologien im Bildungssystem, die weder mit der Geschichte des Landes, noch mit der Vielfalt der brasilianischen Gesellschaft kompatibel sind und der Ankündigung, die Demarkation indigener Gebiete zu beenden. Weiterlesen

Jahresbilanz der Landlosenbewegung MST (Kommentar zum Mitgliederrundbrief, Dez. 2018)

Text: treemedia e.V.

Die Wochen vor und nach der Wahl Ende Oktober waren sehr spannungsreich und zeigen die Wichtigkeit, Solidarität mit der MST zu leisten und für den Schutz von Demokratie und Menschenrechte einzutreten.

108 Menschen wurden in Brasilien in diesem Jahr infolge von Konflikten auf dem Land ermordet, 15 von ihnen waren Aktivist*innen der MST. Die letzten Opfer waren zuletzt die beiden MSTler Orlando Bernardo und Rodrigo Celestino, die in Paraíba im Nordosten des Landes erschossen wurden. Weiterlesen

„Für die zivilgesellschaftlichen Kräfte und für die MST wird die Herausforderung der Widerstand sein“ (Dez. 2018)

– Wir haben eine Zukunft zu errichten. Eine Zukunft, die nicht kommen wird, wenn wir nicht fähig sind, die bestehende Ordnung zu überwinden.

Von Ayala Ferreira*

Der zukünftige Präsident Jair Bolsonaro kriminalisiert mit hasserfüllten Äußerungen die MST und ihren Prozess im Kampf um Land und für eine Agrarreform. Dies fordert nicht nur den Widerspruch einer organisierten Zivilgesellschaft heraus, sondern zeigt auch eine klare Positionierung einer Person, die zwar über eine große Verantwortung verfügt, aber zugleich die Realität im Agrarsektor unseres Landes, der durch unzählige Konflikte und Morde an Landarbeiter*innen geprägt ist, überhaupt nicht kennt. Weiterlesen

Erklärung der MST gegen die Kriminalisierung der Sozialen Bewegungen und die Gewalt in ländlichen Gebieten [Englisch]

Statement Against the Criminalization of Social Movements and Violence in Rural Areas

The Coupist Government is responsible for the murders of indigenous and quilombola people and landless rural workers. The coup that overthrew President Dilma Rousseff, promoted by the Globo media conglomerate and the National Congress, with the connivance of the Federal Supreme Court (FSC), not only violated the 1988 Federal Constitution and placed a gang to command the Executive Power. The coup released the most reactionary and violent forces of the large estate and agribusiness.

Who are the victims? Peasants, natives, quilombolas and workers in general. In the Congress elected by the companies’ legalized villainy, the ruralist group seeks to approve without debating with society laws that attack social and labor rights, which promote environmental destruction, cover up slave labor and delay the demarcation of indigenous lands and quilombolas. Now they want to remove social welfare for the people of the countryside and transform the salary of peasants into an exchange of work for food and housing.

In rural Brazil, large estate owners and agribusinesses hire gunmen and arm their employees to kill, illegally arrest, torture, intimidate and expel the poor from the land.

On April 19, in Colniza, Mato Grosso, people commemorated the 21-year anniversary of the El Dorado dos Carajas Massacre, where nine peasants were tied down, tortured and killed with knife stabs and shots fired with 12-gauge shotguns.

On April 24, Silvino Nunes Gouveia, a militant of the MST from Minas Gerais, was killed with ten shots outside of his house. On the 30th, in Viana, Maranhão, 13 indigenous people were injured by armed men working for large estates.

Is it merely a coincidence that this violence is occurring precisely in the same month that federal deputy Jair Bolsonaro, during a panel in Hebraica Club, Rio de Janeiro, spurted out his criminal verbiage, attacking indigenous and quilombola communities? He defended his position of ending the indigenous reserves and the quilombos. Before that, in Paraíba, he had already promised bullets for the Landless Workers.

There is an escalation of violence that, since last year, has been escalating in numbers and intensity. According to the Pastoral Land Commission (Commission Pastorale de la Terre, CPT), only in 2016, 61 people were killed in rural conflicts; which is the highest number since 2003. Presently, there are several areas under threat of evictions and in permanent tension.

We denounce the situation of the families who reoccupied their own lands, which had been stolen by the Cabral/Eike society in Batista, Sao Joao da Barra, Rio de Janeiro.

In Limoeiro, Ceará, an irrigation project of the DNOCS (Department of Works Against Droughts) is being occupied by 400 families who are facing eviction threats by the DNOCS itself. In the region of Montes Claros, Mato Grosso, hundreds of families are being harassed by armed employees of the large estate owners, who have already beendenounced for corruption in the Federal Public Ministry.

In various states, we have comrades who have been unjustly imprisoned for the ‚crime‘ of struggling for land, without any sort of trial, and others resisting imprisonment, without the right to live in freedom. We blame the coupist government for those crimes. Instead of punishing the real criminals, Temer’s government is more concerned about forgiving the debts of the large estate owners to ensure they continue to support them in Congress and legitimize the seats they usurped, and avoiding trial for the ‚Lava-Jato‘ corruption cause. They even threat to sell our land to foreign capital.

We blame the media under the direction of the Globo Network for the criminalization of rural popular movements and indigenous peoples, which create a climate that legitimizes police repression and armed militias by the large estate owners. This behavior also promotes violence against urban people’s movements, as happened in Goiania, Rio de Janeiro and Sao Paulo, during the general strike.

We blamed the Judicial Power and the Public Ministry for being classist, selective in their actions, party-oriented and with a clear elitist and prejudiced behavior against the poor rural population.

We will continue struggling for the Agrarian Reform in our country and in defense of the demarcation of the indigenous lands and the quilombola population.

For a Popular Agrarian Reform that guarantees land to work, respect for nature and healthy food for all people!

May, 2017
2nd National Fair of Agrarian Reform
Landless Rural Workers Movement – MST